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Von Karl-Heinz Espey


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Thinkstock©Goodshoot

Die Zukunft entdecken Freie evangelische Gemeinden auf dem Weg in postmoderne Zeiten

Mit dem Begriff „Postmoderne“ werden eine Fülle von Anschauungen zusammengefasst, die die Weltsicht der Moderne grundlegend infrage stellen. Postmodern geprägte Menschen leben im Gegensatz zu modern geprägten Menschen mehr sinnlich als rational, mehr erfahrungsorientiert als kognitiv. Das führt unweigerlich zu Veränderungen, auch in christlichen Gemeinden.

Nur negativ?
Oft wird aus christlicher Sicht vor der Postmoderne gewarnt, zumindest werden deren zweifellos vorhandene Gefährdungen und Bedrohungen hervorgehoben. Schlagworte wie Relativismus, Pluralismus, Liberalismus und Synkretismus machen die Runde. Man befürchtet, dass man mit der postmodernen Weltsicht in chaotische Zustände geraten könnte, weil jeder sein eigenes Ding macht, ohne danach zu fragen, was dem Ganzen dient. In der Tat: Wer heute Gemeinde bauen will, spürt sehr deutlich, dass die Vielzahl an Interessen und Bedürfnissen kaum zusammenzubringen ist, und die Bereitschaft, um der Gemeinschaft willen Abstriche zu machen, sich zurückzunehmen, schätze ich überaus gering ein. Sie hat in den vergangenen dreißig bis fünfunddreißig Jahren meines Erachtens deutlich abgenommen. Pastoren und Älteste, die sich bemühen, einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen, die Gemeinde dem Evangelium entsprechend leiten und als geistliches Zuhause für Jung und Alt gestalten wollen, sehen sich dem Verdacht ausgesetzt, autoritär zu sein, die Räume eng zu machen und jegliche Kreativität zu ersticken. Gottes Anspruch auf unser Leben wird von vielen ignoriert, es sei denn, er stimmt mit ihrem individuellen Lebensgefühl und dem Bild vom liebenden Gott überein usw. Dass die Postmoderne problematische Auswirkungen auch für unsere Gemeinden hat, ist also keineswegs von der Hand zu weisen.

Offen für die Menschen werden
Trotzdem können wir uns vor ihr auf Dauer kaum verschließen, zumal wir selber von ihr beeinflusst und geprägt werden. Außerdem hat Jesus uns beauftragt, trotz dieser sich verändernden Kultur Menschen zu seinen Jüngerinnen und Jüngern zu machen, ihnen bei ihm und bei uns ein Zuhause anzubieten. Ob und inwieweit uns das gelingt, wird wesentlich davon abhängen, ob wir bereit sind, uns in postmodern geprägte Menschen hineinzudenken und einzufühlen. Das ist alles andere als einfach, und wir spüren in uns Hindernisse und Widerstände, die uns bremsen. Sofern wir uns jedoch für sie öffnen, helfen uns weder kosmetische Veränderungen an unseren Gottesdienstformen noch aus Übersee importierte Gemeindekonzepte, sondern wir haben die mühevolle Aufgabe vor uns, das Evangelium in die sich verändernde Kultur hinein zu übersetzen, getreu dem 1. Korintherbrief: den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, den Postmodernen ein Postmoderner. Von der Moderne geprägte Christen konzentrieren ihr Glaubensleben auf das klare, unverfälschte Wort Gottes. Darin sind wir Erben der Reformation. „Das Wort sie sollen lassen stahn …“. Dementsprechend laden wir Besucher unserer Gemeinden dazu ein, in den Gottesdienst zu kommen, zuzuhören und aufzunehmen, was von vorne gesagt wird. Wir führen sie kaum in die Nachfolge ein, die sie im Alltag ausprobieren können. Das ist jedoch für postmodern geprägte Menschen unverzichtbar. Denn sie sehnen sich nach Gemeinschaft und geistlichen Erfahrungen, oft ohne zu wissen, wo sie zu finden und wie sie zu gestalten sind.

Bedürfnisse bejahen
Solange wir diese Bedürfnisse ignorieren, betrachten sie unsere Gemeinden als Orte, in denen man sich in theologischen Rechthabereien ergeht und in erstarrten Strukturen lebt. Ob uns das behagt oder nicht: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass alt bewährte Ansätze und Methoden vor allen Dingen junge Menschen kalt lassen. Predigten, die Kopfwissen vermitteln, Dogmen und negative Urteile über andere Konfessionen, Religionen und Lebensstile schrecken sie ab. Sie suchen nach dem passenden Feeling, nach Möglichkeiten, teilzunehmen und mit anderen gemeinsame Erfahrungen zu machen. Gleichzeitig möchten sie frei entscheiden können, ob sie sich beteiligen. Allerdings sind sie angesichts der Vielzahl an gleichwertigen Optionen verunsichert, wo und wie sie das, wonach sie sich sehnen, erleben und umsetzen können bzw. wollen. Kein Wunder, dass viele postmodern geprägte Menschen trotz ihrer Sehnsucht nach geistlichen Erfahrungen und Gemeinschaft ohne ein geistliches Zuhause sind. Für sie liegen in unseren Gemeinden Schätze bereit, an denen wir sie teilhaben lassen können, und zwar genau diejenigen, die sie suchen: Gemeinschaft, Spiritualität und Ganzheitlichkeit.

Schatz „Gemeinschaft“
Gemeinschaft in der Gemeinde ist etwas Besonderes, weil sie ihren Ursprung in Jesus Christus hat. Er hat sie gestiftet, und die Art und Weise, wie wir sie leben, sollte durch ihn geprägt sein. Das geschieht unter anderem, indem wir Anteil aneinander geben und nehmen, Erfahrungen teilen und auch über unsere Fehler und Misserfolge reden; zum Beispiel in unseren Gottesdiensten, im Kirchencafé, in Glaubensgrundkursen, Hauskreisen und anderen Kleingruppen. Wenn beispielsweise die Glaubenskurse als Projekt von der ganzen Gemeinde getragen werden, wenn die Teilnehmenden von ihren Freunden und Bekannten eingeladen und mitgebracht werden und wenn innerhalb des Kurses Gespräche in Kleingruppen und Möglichkeiten zu Glaubenserfahrungen angeboten werden, wirken sie anziehend und einladend.

In unserer Gemeinde in Norderstedt machen wir gute Erfahrungen mit Predigt- und Gesprächsreihen jeweils von Januar bis Ostern; eigentlich vollkommen unspektakulär, trotzdem echte Highlights. Denn daran nimmt die ganze Gemeinde teil: sämtliche Hauskreise, die Bibelstundengruppe, die Pfadfinder sowie der Teenkreis. Die Beschäftigung mit denselben Bibelabschnitten oder Themen bindet uns zu einer Gemeinschaft zusammen, in der sich der Einzelne als Teil des Ganzen aktiv beteiligen kann. Am Ende jeder Predigt- und Gesprächsreihe feiern wir einen sogenannten Abschlussgottesdienst. Dort werden in Interviews, Berichten, Anspielen oder Videoclips Erfahrungen der zurückliegenden Wochen für alle erlebbar gemacht. Das Mittagessen nach dem Gottesdienst bildet den gemeinsamen Abschluss. Ab Januar 2010 starten wir den vierten Zyklus. Dann werden die „Ich-bin-Worte Jesu“ im Mittelpunkt stehen. Mit diesen Veranstaltungsreihen erreichen wir auch diejenigen, die eher sporadisch unsere Gottesdienste besuchen und ansonsten nur an Kleingruppen teilnehmen. Ich habe den Eindruck, dass wir gut daran tun, Gemeinschaftserfahrungen mit Vertiefungsangeboten zu verzahnen. Damit entsprechen wir den Bedürfnissen postmodern geprägter Menschen. Auf diese Weise können sie Jesus kennenlernen, ihm vertrauen und sich ihm anvertrauen lernen.

Schatz „Spiritualität“
Wir beschäftigen uns öfter mit der Frage, wie wir dem Glauben entfremdete Menschen erreichen können. Dabei praktizieren wir seit vielen Jahren eine Form von Evangelisation, die von drei Faktoren ausgeht: einer vollmächtigen Predigt, einer Versammlung von glaubensdistanzierten Menschen sowie der Möglichkeit, auf die Einladung zum Glauben zu reagieren. Das jeweilige Rahmenprogramm zielt darauf, die Verkündigung vorzubereiten, somit zu unterstützen bzw. zu verstärken. Postmodern geprägte Menschen sprechen auf diese Art der Evangelisation kaum an. Ihnen sind weder die Informationen über Jesus noch Fakten, Bibelwissen oder schlüssige Argumente für den Glauben wichtig. Sie streben nach einem guten Gefühl und Erfahrungen, dann können sie mit Jesus und dem Glauben an ihn etwas anfangen und sich öffnen. Das trifft übrigens auch auf andere Lebensbereiche zu, zum Beispiel auf den Beruf und vor allen Dingen auf die Beziehungen. In dem Maße, wie sie Gemeinsamkeit erleben können und die Gefühle stimmen, gehen sie Beziehungen ein, die Bestand haben; sobald dies nicht mehr der Fall ist, beenden sie sie und wechseln in andere.

Zunehmende Scheidungszahlen, Ein-Elternteil- sowie Patchwork-Familien sind Hinweise auf diese Beziehungskultur, in der viele überfordert sind und vereinsamen.

Postmodern geprägte Menschen streben nach Erfahrungen mit allen Sinnen. Dies hat zu einem Boom von Esoterik, Wahrsagerei, Meditation, Yoga usw. geführt. Dort lernen sie spirituelle Techniken bzw. Rituale kennen, durch die sie Kontakt mit dem bekommen, was über oder jenseits des rational Erkennbaren liegt und sie emotional berührt. An den Kirchen gehen viele Menschen vorbei. Sie trauen ihnen längst nicht mehr zu, dass sie spirituelle Bedürfnisse befriedigen können. Mit anderen Worten: Das, was eigentlich unsere Kernkompetenz ist, fragen postmodern geprägte Menschen bei uns nicht mehr ab, sondern „fischen“ in anderen „Teichen“ nach spirituellen Erfahrungen. Kein Wunder, denn bei uns liegen zahlreiche geistliche Schätze brach: Stille, Fasten, Opferbereitschaft, Anbetung als Lebensstil, Beichte, Feiern, Gebet, Gemeinschaft, Dienen usw. Sie wiederzuentdecken, zu beleben und Menschen unserer Zeit nahezubringen, ist meines Erachtens eine unserer vornehmsten Aufgaben. Dabei geht es nicht nur darum, die Schatztruhe zu öffnen, sondern gemeinsam die Schätze zu heben, uns gemeinsam als Lernende auf den Weg zu machen. So wird unser Glaube konkret, anschaulich, erfahrbar, glaubwürdig, für postmoderne Menschen attraktiv!

Schatz „Ganzheitlichkeit“
Damit meine ich, mit allen Sinnen, in allen Lebensbereichen, auf allen Beziehungsebenen zu leben – Glauben zu leben. Die Moderne brachte es mit sich, dass wir unseren Glauben stärker innerlich und eher im Kopf leben. Theoretisch sind wir richtig gut! Außerdem, dass wir Sonntag und Alltag mehr oder weniger deutlich voneinander trennen. Sonntags im Gottesdienst geben wir uns christlich, während wir im Alltag dazu neigen, denselben „Tanz“ wie alle anderen zu tanzen. Hingegen unterscheiden postmodern geprägte Menschen weniger zwischen ihrem geistlichen und ihrem säkularen Leben, zwischen Sonntag und Alltag. Ihr Glaube durchdringt permanent alle Lebensbereiche. Er hat zum Beispiel etwas damit zu tun, wie ich mit mir selbst und mit meinem Nächsten umgehe, wie ich meinen Alltag, meine Arbeit, meine Entscheidungen, meine Begegnungen gestalte. Glaube beinhaltet auch meine Verantwortung für meine Ehe und Familie, für das Gemeinwesen und für die Natur. Christliche Gemeinden sollten sich nicht länger darauf beschränken zu evangelisieren, also sich um das Heil der Menschen zu kümmern, sondern verstärkt Menschen helfen, ihren Alltag, mit dem viele alleine dastehen und überfordert sind, gedeihlich zu gestalten.

In Norderstedt haben wir uns Familienarbeit auf die „Fahnen“ geschrieben. Erste Schritte wurden vor etlichen Jahren in den Eltern-Kind- Gruppen getan. Dort erleben junge Väter und Mütter zusammen mit ihren Kleinkindern Gemeinschaft in Form von Interesse, Anteilnahme und gemeinsamer Aktion. Dabei beobachteten die Mitarbeiterinnen, dass zahlreiche Eltern mit ihrer Erziehungsaufgabe völlig überfordert sind. Deshalb haben wir uns vor eineinhalb Jahren entschlossen, in monatlichen Abständen Erziehungsberatung anzubieten. Während die Mütter, die Mitarbeiterinnen und ich zusammen sitzen und wir gemeinsam versuchen, auf die angesprochenen Fragen und Probleme möglichst hilfreich einzugehen, werden die Kinder von einigen Frauen aus unserer Gemeinde betreut. Seit gut einem Jahr laden wir, ebenfalls monatlich, zu einem Elternstammtisch ein, der sich abends trifft, damit auch die Väter teilnehmen können. Wir sind in einem gemütlichen Rahmen zusammen, und die jungen Eltern bekommen Hilfestellung für ihren Ehe- und Familienalltag an die Hand. Dabei erleben wir, wie etliche Mut gewinnen, die Hinweise und Anregungen zu Hause umzusetzen, und in vielen Fällen verändert sich das Zusammenleben in den Ehen und Familien positiv.

Diese Angebote werden dankbar angenommen, weil wir dort wertschätzende, Anteil nehmende, hilfreiche Gemeinschaft erleben; so, dass der Gott, an den wir glauben, in unseren Alltag konkret hineinspricht und -wirkt. Etliche der vorwiegend gemeindefremden Eltern besuchen seit geraumer Zeit unsere Gottesdienste, weil sie sich mit ihren Kindern bei uns gut aufgehoben fühlen. Für das kommende Jahr planen wir Eheund Elternseminare, in Zusammenarbeit mit der Elim-Diakonie, Kurse für pflegende Angehörige sowie für Seniorenbegleitung. Damit sprechen wir Menschen inmitten ihres Alltags an, die lernen wollen, ihre wichtige Aufgabe als Eltern, Ehepartner oder Angehörige angemessen und sicher wahrzunehmen. Diese und vergleichbare Angebote helfen Menschen, sich zurechtzufinden und ihre Beziehungen positiv zu gestalten. Dabei machen wir folgende Erfahrung: Sie kommen nicht vom Wissen zum Handeln, sondern vom Handeln zum richtigen Denken. Diese Prozesse können wir begleiten, beispielsweise durch Mentoring und Vorbildsein.

So kann es für ein frisch gebackenes Paar hilfreich sein, wenn es sich regelmäßig mit einem erfahrenen Paar trifft, mit ihm Alltagsfragen und -probleme bespricht und von ihm Tipps und Hinweise für sein Eheleben bekommt. Auch Kleingruppen, wie zum Beispiel Endlichleben- Gruppen, in denen wir unseren Glauben und unser Leben miteinander teilen, uns gegenseitig unterstützen, korrigieren und für unser Handeln Rechenschaft ablegen, gewinnen an Bedeutung. Denn sie sind für manch einen so etwas wie ein Familienersatz. Die Ganzheitlichkeit des Lebens gewinnt Gestalt in der Art und Weise, wie wir bereit werden, Menschen Einblick in unser Leben zu gewähren, sodass sie durch unser Vorbild leben und glauben lernen können. Hier verfügen wir in unseren Gemeinden über ein bislang zu wenig beachtetes Potential.

Gemeinden, die postmodern geprägten Menschen ein Zuhause geben möchten, werden auch offen für deren Ideen und Visionen sein. Da postmodern geprägte Menschen weniger zwischen dem Säkularen und dem Geistlichen, zwischen Sonntag und Alltag unterscheiden, werden sie vieles in die Gemeinde bringen und dort verwirklichen wollen, was früher ein Tabu war oder als weltlich empfunden wurde. Dazu gehören nicht nur die von mir erwähnten sozialen Aktivitäten, sondern kulturelle, sportliche oder wirtschaftliche Projekte. Daraus wird eine Vielzahl unterschiedlichster Gruppen und Angebote unter dem Dach unserer Gemeinden oder auch an anderen öffentlichen Orten entstehen. Gemeinde, die ein Zuhause für postmodern geprägte Menschen sein will, wird als Gemeinschaft leben, die in ihren Arbeitsformen weit gefächert, gleichzeitig in ihrem Kern eins ist, weil sie einen Herrn hat: Jesus Christus. Sie verzichtet auf die geliebten Langzeitstrukturen, die ihr Sicherheit bieten, und lebt Strukturen, die organischem, ganzheitlichem Leben entsprechen, somit effektiv genug sind, um dem Leben zu dienen, und fl exibel genug, um unter Umständen binnen kurzer Zeit verändert oder ersetzt zu werden. Denn Strukturen dienen dem Leben, nicht umgekehrt!

Gemeinden, in denen postmodern geprägte Menschen zu Hause sind, sind Gemeinden in Bewegung. Ständig in Bewegung zu sein ist anstrengend. Allerdings haben wir angesichts unserer sich verändernden Kultur und deren Auswirkungen keine Wahl, es sei denn, wir wollen zu einsamen Inseln der Seligen verkommen, an denen die Menschen achtlos vorübergehen. Dann allerdings hätten wir den Auftrag verpasst, ihnen ein Zuhause zu geben.


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