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Gedanken zur Jahreslosung 2011 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern, überwinde das Böse mit Gutem

Zuerst klingt dieser Satz von Paulus wie ein schöner Spruch im Poesiealbum, umrahmt von rosafarbenen Engelchen: „Sei gut, sei nett, lass das Gute siegen.“ Wenn man ihn jedoch von dieser wolkigen Umrahmung befreit und mitten hineinstellt in die Konfl ikte und hasserfüllten Realitäten der Welt – dann wird daraus mehr.

Ich denke an Jesus, den Bergprediger. Er sagt: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ (Matthäus 5,44). Und weiter: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?“ (Vers 46)

Ich muss Luft holen, wenn ich mir überlege, was das bedeuten könnte. Wird dann nicht das Böse in der Welt stärker und stärker werden? Muss dem Bösen nicht Einhalt geboten werden?

Ich frage mich, ob ich Feinde habe. Ich habe wohl Menschen, die mich nicht mögen und ich sie nicht. Aber wie schnell wird aus einer Streitigkeit offene Feindschaft und Rivalität. Ein Blick in die Zeitung zeigt mir, wo das täglich endet. Ich denke: Die Jahreslosung darf aber nicht zum Duckmäusertum führen. Stoisches Hinnehmen ist kein Ideal. Und manche fromm Erzogenen berichten mir, wie solche Verse dazu führten, dass sie niemals widersprachen oder sich wehrten.

Aber Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint. Die Liebe ist der Kern dessen, was christliche Ethik, was das Tun der Christen, ausmacht. So lautet der Leitgedanke in Kapitel 12 des Römerbriefes. Er sagt: „Eure Liebe sei ohne Falsch“, also ungeheuchelt und „herzlich“ (12,9). „Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor“ (Vers 10). Und es wird schlimmer: „Segnet, die euch verfolgen; segnet, und fl ucht nicht“ (Vers 14). „Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann“ (Vers 17). „Habt Frieden mit allen Menschen“ (Vers 18) mit der tröstlichen Einschränkung: „ist’s möglich, soviel an euch liegt.“ „Rächt euch nicht selbst, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes“ (Vers 19). Das alles steht unter der Überschrift: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes“ (Vers 1). Ein gewagtes Kapitel an die Gemeinde in Rom, die im Zentrum der weltlichen Macht lebte. Eine Zumutung! Würde die Gemeinde überleben? Ja, sie überlebt nur mit den geistlichen Waffen als Gemeinde.

Eine laute Predigt
Es bleibt also dabei: Wir sollen uns unterscheiden von der Welt. Und zwar nicht mit der Frisur oder im Musikgeschmack. Es geht um mehr. Es geht um alles. Denn wenn christliche Liebe nicht auch Feindesliebe ist, hat sie keinerlei Bedeutung. Den Freund lieben, das ist normal. Das muss nicht betont werden. Aber den Feind lieben, da zeigt sich, „wes Geistes Kinder wir sind“. Es passt mir zwar nicht, aber in diesem Sinne sind Christen weltfremd.

Neulich sagte mir jemand: „Es wird zu viel gepredigt und zu wenig getan.“ Wenn das Tun nicht folgt, wird das Reden über das Evangelium zum leeren Palaver. Glauben ohne Leben, das gibt es in der Bibel gar nicht. Die Feindesliebe ist eine sehr laute Predigt. Und dann soll die Liebe auch noch ohne Heuchelei sein! Spätestens hier wird klar: Für einen Durchschnittsmenschen wie mich, der ganz normal denkt und einen gesunden Menschenverstand hat, ist das unmöglich. Ja, es ist tatsächlich leicht, über die Feindesliebe zu sprechen und in heroischen Worten zu philosophieren. Aber sie tun, sie tatsächlich zu praktizieren, das ist etwas anderes. Das, was Jesus fordert und Paulus ausführt, ist keine menschliche, es ist göttliche Liebe. Es ist ein Geschenk Gottes. „Sie ist ganz allein die Liebe Jesu Christi, der für seine Feinde zum Kreuz ging und am Kreuz für sie betete“, meinte Dietrich Bonhoeffer.

Pfarrer Uwe Holmer, der selber Benachteiligungen durch das DDR-Regime erlitten hatte, gewährte Margot und Erich Honecker am 30. Januar 1990 Asyl. Er wurde dafür kritisiert, auch aus den eigenen Reihen. Wie kann man diese Leute nur schützen? Verständliche Empörung machte sich breit. Aber Uwe Holmer beharrte darauf und setzt damit ein Zeichen, das nicht in diese Welt passt. Mir fällt ein Ehepaar ein, deren Tochter einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Sie wollten keine Rache. Sie fingen an, die Täter mit den Augen von Jesus zu sehen. Das veränderte ihre Haltung und machte es möglich, am eigenen Schicksal nicht kaputt zu gehen. Das kann man nicht einklagen. Das kann man nur beschreiben.

Sicher, das sind extreme Beispiele. Wieviel mehr gilt es in den Kleinigkeiten des Alltags. „Das Christliche hängt am ‚Außerordentlichen’“, schreibt Bonhoeffer. Das Außerordentliche kommt von Jesus Christus selber. Nachfolge bedeutet, in Jesus und seiner Liebe zu bleiben. Nur dadurch können wir das Böse mit Gutem überwinden. Es ist ein enger Weg, aber es gibt keinen anderen.

Souveränes befreites Handeln
Überlegen Sie, was das für Ihre Konflikte bedeuten könnte. Nein, sicher kein Duckmäusertum. Aber ein in Jesus souveränes und befreites Handeln. Überlegen Sie, wie sich diese Jahreslosung auf Ihren Umgang mit dem Nachbarn auswirkt, mit dem Sie sich zerstritten haben. Was bedeutet sie für den Umgang mit Zeitungsartikeln, in denen evangelische Christen lächerlich gemacht werden? Was ist das Gute im Umgang mit der unfreundlichen Bedienung oder dem aufblinkenden Drängler auf der Überholspur?

Dass ein Staat damit nur bis zu einem gewissen Punkt Politik machen kann und Rechtssysteme so nicht funktionieren, liegt auf der Hand. Rechtsprechung schafft Ausgleich und hat erzieherische Wirkung. Recht ist nicht Rache. Recht versucht aber auch nicht, das Böse mit Gutem zu überwinden. Das Gute bleibt quer gebürstet, Feindesliebe bleibt das Außerordentliche. Daraus lässt sich kein Weltprinzip machen. Und insofern sind wir Menschen, solange wir in dieser Welt leben, auch Teil dieser Systeme. Richter, Polizisten, Politiker haben Macht. Unternehmer, Lehrer, Vorgesetzte haben Macht. Es ist kontrollierte Macht und wie gut, dass auch Christen diese Berufe ausüben. Aber das geht nicht ohne innere Konflikte. Und uns wird ständig die Frage begleiten: Was muss ich tun, um in diesen Systemen Gutes zu tun?

Das Gute soll nicht über das Böse durch falsche Mittel, z.B. Waffengewalt, siegen. Dann hätte das Böse ja wieder gesiegt, im Namen des „Guten“. Das Gute kann nur siegen durch seinen Gebrauch. Ist das weltfremd? Ja. Es ist dem Schema dieser Welt fremd und deswegen fällt uns das auch so schwer. Es ist schwer, denn es geht nicht ohne Leiden und Nachteil. Sie haben richtig gelesen: Es geht nicht ohne Leiden und Nachteil.

Das Zentrum der zugemuteten Feindesliebe ist das,
was Gott in Jesus Christus getan hat.
In Jesus hat Gott gelitten.
In Jesus hat er nicht zurückgeschlagen.
Er ist geschlagen worden von Söldnern,
Soldaten und schwächlichen Menschen.
Er ist schwach geworden und in dieser
Schwachheit gerade stark geblieben.
Er hat den tödlichen Kreislauf durchbrochen,
in dem wir nach Rache schreien.
Nur wenn wir das begreifen,
können wir ihm folgen.
Nur wenn wir diese Liebe Gottes erfahren,
können wir Böses mit Gutem überwinden.

Ich wünsche mir laute Predigten durch
unser verändertes Leben.


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