» christsein-heute.de 

Von Wolfgang Kraska


Bild:

Thinkstock©iStockphoto

Glaubenssache „Gelitten unter Pontius Pilatus ...“

Es gibt nur wenige Menschen, deren Name man noch nach zweitausend Jahren kennt. Es sind in der Regel Kaiser, Feldherren oder große Denker, die ganze Epochen geprägt haben. Pontius Pilatus gehört ganz sicher nicht dazu. Sein Taktieren zwischen den unterschiedlichen Interessen, von denen er gesteuert wird, lässt ihn nicht gerade als großen Staatsmann, als beeindruckende Persönlichkeit erscheinen.

Natürlich, er ist Prokurator der römischen Provinz Judäa, die er in den Jahren von 26 bis 36 nach Christus für den römischen Kaiser Tiberius verwaltet. Er ist Repräsentant der Besatzungsmacht, deren Interessen er durchzusetzen hat. Er hat die Macht, ein Todesurteil zu sprechen oder auch einen rechtskräftig verurteilten Verbrecher zu begnadigen. Und doch wäre sein Name längst im Meer der Geschichte untergegangen, hätte Gott ihn nicht als Statisten im Prozess gegen Jesus gebraucht. So hat er es bis ins Neue Testament und zur Erwähnung im Apostolischen Glaubensbekenntnis gebracht. Und so wird sein Name bis auf diesen Tag im Zusammenhang mit Jesu Leiden genannt: Gelitten unter Pontius Pilatus.

Ich denke, die Aussage ist inhaltsschwerer und richtiger, als man beim ersten Hören denken mag. Jesus sollte sterben, so war es von Anfang an beschlossen. Jesus musste sterben, so war es in Gottes Plan vorgesehen. Jesus wollte sterben, weil er wusste, dass dies der Wille des Vaters im Himmel war. Um dies umzusetzen, braucht es ein paar Handlanger wie Judas, Kaiphas und eben Pontius Pilatus. Hin und her gerissen zwischen seiner Pflicht, römisches Recht zu sprechen und dem Wunsch es den führenden Juden recht zu machen. Nur kein Ärger, nur keine Probleme. Rom konnte sich auf ihn verlassen.

Seht, was für ein Mensch!
„Gelitten unter Pontius Pilatus …“ Es ist durchaus wichtig, diesen Halbsatz im Apostolischen Glaubensbekenntnis zu zitieren. Denn so datierte man damals historische Ereignisse. Und um ein solches handelt es sich in der Tat. Gott Sohn hatte tatsächlich den Himmel verlassen und war ein Mensch geworden. Er war ein Mensch von Fleisch und Blut, der wie wir alle an einem bestimmten Tag in Raum und Zeit geboren wurde und ebenso an einem solchen konkreten Tag hingerichtet wurde. Auch wenn man über die genaue Fixierung in unserem heutigen Kalender streiten kann, so steht doch fest, dass er an einem konkreten Tag, kurz vor dem Passahfest um das Jahr 30, zur Zeit des Prokurats von Pontius Pilatus gestorben ist.

Jesus hatte ja nicht einen Scheinleib, der gar nicht wirklich gelitten hätte. Er war ja kein Halbgott, den Leid und Schmerzen nicht wirklich berühren. Das Ringen um den Gehorsam Gott gegenüber in Gethsemane, die Spuren der wiederholten Verhöre, der Spott seiner Ankläger, das Versagen seiner Jünger und erst recht die Folterung und der Todeskampf in der Hitze Palästinas – all dies ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Jesus hat gelitten, wie jeder von uns an seiner Stelle gelitten hätte. Und er hat diese Schmerzen an unserer Stelle erlitten. Pilatus führt das seinen jüdischen Anklägern vor Augen: „Seht, was für ein Mensch“ (Joh 19,5). Was für ein ohnmächtiger, schwacher, gedemütigter Mann. Und vor dem habt ihr Angst? Den loszuwerden setzt ihr alle Hebel in Bewegung? Sein kopfschüttelnder Satz ist in die Weltliteratur eingegangen.

Was ist Wahrheit?
Noch ein anderer Satz wird für immer mit ihm verbunden sein. Der philosophisch tiefe und zugleich alltäglich banale Satz „Was ist Wahrheit?“. Ob Jesus nicht unter diesem Satz viel mehr gelitten hat, als unter seinen Schmerzen? Die Menschheit sucht nach der Grundlage ihrer Existenz, fragt woher sie kommt, wohin sie geht und wozu sie existiert. Da erbarmt sich der Schöpfer aller Dinge und ergreift selbst die Initiative. Er offenbart die tiefsten und letzten Geheimnisse des Kosmos wie des einzelnen Lebens in der Person Jesus. Er selbst ist die Wahrheit (Joh 14,6). An ihm ist erkennbar, wie Gott die Welt sieht und die Menschen beurteilt. Was für eine Chance, endlich der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Und was für ein fataler Fehler, alles einfach zu relativieren. Was ist Wahrheit? Gibt es überhaupt die eine Wahrheit? Ist nicht alles nur eine Frage der Perspektive? Hat nicht jeder irgendwie Recht? Und vor allem wenn es um Gott geht: Gibt es nicht viele Wege zu ihm? Muss und kann nicht jeder nach seiner Façon selig werden? Bis heute ist es so geblieben, dass man sich mit diesem scheinbar so intelligenten Satz Gott entziehen und ihn verpassen kann. Alles, was Jesus in den nächsten Stunden bevorstand, war das Leiden wert, wenn dadurch nur Gottes Wahrheit offenbart würde. Nie wieder würde Pilatus der Wahrheit so nahe sein. Und er wischt alles mit seinem banalen Satz beiseite. Gott hatte persönlich eingegriffen und der Frau des Pilatus einen Traum geschenkt, der ihren Mann sensibilisieren sollte. Und es passiert: nichts! Jesus wird die Pilatus’ Reaktion nicht gleichgültig gewesen sein. Ich bin sicher, er hat unter dieser Reaktion gelitten. Gelitten unter Pontius Pilatus.

„Ich wasche meine Hände in Unschuld“
Mit dieser Kurzfassung kennt man im Volksmund, was sich bei Luther so anhört: „Pilatus nahm Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut“ (Mt 27,24). So einfach kann man sich aus der Affäre ziehen? So schnell wird man seine Schuld los? Indem man sie anderen zuschiebt – in diesem Fall dem jüdischen Straßenmob? Sieht so das verantwortliche Handeln eines römischen Gouverneurs aus? Oder heiligt der Zweck die Mittel? Wird Pilatus die Schuld los, weil andernfalls vielleicht ein Aufruhr mit unabsehbaren Folgen entstanden wäre? Ein Unrechtsurteil als das geringste Übel, als Kollateralschaden bei der Aufrechterhaltung der Ordnung – reicht das aus?

Gleichgültig ist Pilatus die Frage jedenfalls nicht. Offenbar möchte er ja doch ohne Schuld sein, er der Spitzenpolitiker. Aber wie wird man seine Schuld los? Er ahnt wohl kaum, dass er dem Einzigen, der wirklich von Schuld frei machen kann, gegenübersteht. Genau dazu ist Jesus in die Welt gekommen: damit niemand mit seiner Schuld weiterleben und allein fertig werden muss. Auch nicht dieser arme, mächtige Mann in seiner Zwickmühle.

Ja, Jesus hat gelitten unter diesem Pontius Pilatus. Unter den Schmerzen, die er ihm hat zufügen lassen. Aber vielleicht noch mehr unter der vertanen Chance, die Wahrheit zu erkennen. Und unter seinem ohnmächtig-lächerlichen Versuch, seine Schuld durch demonstratives Händewaschen loszuwerden.

Wolfgang Kraska ist Pastor der FeG Karlsruhe.


Noch keine Kommentare

Sie müssen eingeloggt sein um Kommentare zu schreiben


Christsein heute

... alles, was
Freie evangelische
Gemeinden bewegt!


Jetzt bestellen


Service

Der FeG-Shop

Bücher & anderes aus dem FeG-Kosmos:


Zum Shop>>>

Kontakt zur Redaktion

Sie möchten Kontakt mit uns aufnehmen? Dann klicken Sie doch bitte hier.

Lust auf mehr?

Weitere Zeitschriften aus dem Bundes Verlag

Informieren Sie sich hier über weitere Zeitschriften und Angebote des Bundes-Verlags.

 

© 2019 SCM Bundes-Verlag gGmbH - Impressum - Datenschutz - Kontakt