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Von Erhard Michel


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istockphoto.com©mattjeacock

Eindrücke aus Japan Kirschblüten, Kirchen und Katastrophen

Im April waren Missionsleiter Erhard Michel und seine Frau Ruth zwei Wochen in Japan unterwegs. Neben Besuchen bei den Missionaren der Allianz-Mission reisten sie auch in das Katastrophengebiet im Norden und hatten viele Begegnungen und Gespräche mit Einheimischen, Pastoren, Einsatzleitern und Menschen auf der Straße.

Sonntag, 3. April
Nach einem Flug von elf Stunden erreichen wir Nagoya, das Zentrum des Arbeitsgebietes der Allianz-Mission. Die 200 Kilometer südlich von Tokyo, an einer Meeresbucht gelegene Stadt hat 3,5 Millionen Einwohner. Ringsum liegen viele Städte mit 50.000 bis 300.000 Einwohnern. Im Großraum leben etwa 8 Millionen Menschen. Hier sind in den letzten 50 Jahren durch die Missionsarbeit der Allianz-Mission viele Gemeinden und ein Gemeindebund mit etwa 35 Gemeinden entstanden, der „Domei Fukuin Kirisutokyokai “, wie er auf Japanisch heißt. Als wir ankommen, ist es Sonntagmorgen. Wir besuchen den Gottesdienst in der Gemeinde Inazawa, die gerade ein schönes Gemeindehaus gebaut hat, und grüßen von den Gemeinden in Deutschland.

4. bis 7. April
Nach einem langen, kalten Winter ist es in Japan endlich Frühling geworden. Und das bedeutet: die Kirschblüte beginnt. Wir verbringen viel Zeit mit den Missionarsfamilien Eymann, Berns, Wolke und Marlene Straßburger, und genießen dabei die Zeit im Freien, erfreuen uns an den aufbrechenden Blütenknospen und der klaren Luft, die vom nahen Schloss Kiyosu eine Fernsicht bis zu den fast 100 Kilometer entfernten, schneebedeckten Dreitausendern ermöglicht. Endlich ein bisschen Abstand von den nervenaufreibenden Ereignissen im März gewinnen, mit dem schrecklichen Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe. Alle Langzeitmissionare der Allianz-Mission sind im Land geblieben. Aber es ging nicht ohne Ängste, Unsicherheit und existentielle Fragen. „Wann wäre ein Punkt erreicht, wo auch wir die Ko er packen müssten?“ So fragen sich manche. Für andere ist ganz klar: Wir bleiben hier, auf jeden Fall! Denn gerade in diesen schweren Zeiten brauchen uns die japanischen Geschwister ganz besonders. Und wir wollen helfen, so gut wir können. Einige Missionare und Angehörige haben bereits an Hilfseinsätzen im Katastrophengebiet teilgenommen. Auch japanische Christen packen Kleinbusse und Lkws mit Hilfsgütern und fahren ins 900 Kilometer entfernte Sendai, um Not zu lindern und Mut zu machen.

Meine Frau und ich hören zu, machen zusammen mit unseren Missionaren kleine Abstecher zu japanischen Pastorenfamilien. Wir grüßen und ermutigen, freuen uns über den Einsatz und nehmen Anteil an manchen Sorgen – auch an Problemen aus dem persönlichen Leben und aus dem Gemeindealltag.

Freitag, 8. April

Mit dem Zug fahren wir von Inazawa nach Nagoya-Stadtmitte. Alle Züge fahren auf die Minute pünktlich, sind meistens voll und verkehren fast im Minutentakt. Am Bahnhof erwartet uns Missionarin Monika Bruttel. Sie arbeitet als Bibelschullehrerin an der Bibelschule in Nagoya. Zu Fuß erreichen wir nach zehn Minuten ihre kleine Wohnung im 8. Stock eines großen Wohnblocks. „Hier wackelt es manchmal ganz kräftig“, erzählt uns Monika. Stärker als in manchen Vororten spürt man hier die Nachbeben, von denen es inzwischen einige Hundert gegeben hat. Ihren Schrank und den Kühlschrank hat sie durch Sicherungsstreben an der Decke verankert. Sicher ist sicher. Wenn es richtig wackelt, dann fl iegt schon mal einiges durcheinander. Das haben alle Missionare, die länger in Japan leben, schon erfahren.

Monika sagt: „Was in den letzten Wochen passiert ist, das ist ein harter Schlag für die Japaner. Unsere Japaner sind immer so diszipliniert. „Gambare!“ ist eine immer wieder zu hörende japanische Redensart. Sie heißt so viel wie: „Wir halten durch! Gebet nicht auf! Wir zeigen es der Welt, dass wir Japaner sind und dass wir das scha en!“ „Aber diese Katastrophe ist zu groß“, sagt Monika. „Das merkt man bei vielen Japanern. Sie scha en es nur mühsam, diese Fassade aufrecht zu erhalten“.

Sie fährt fort: „Vielleicht ist das gut, damit sie merken: Mit unserer Kraft allein ist es nicht getan. Und wir haben auch keine Antworten auf die letzten Fragen des Lebens.“ Der wichtigste Sinn im Leben ist für die meisten Japaner – ähnlich wie in Europa – der Materialismus. Mein Haus, mein Besitz, mein Auto, mein Geld, was ich mir leisten kann. Deshalb hat die Katastrophe die Japaner hart getroffen.

Die Missionarin ist voller Tatendrang. In einigen Tagen möchte sie mit anderen Christen ins Erdbebengebiet fahren und eine Woche mithelfen, den schwer getroffenen Menschen zu helfen. Sie sagt: „Ich hatte eine richtige Krise, als die Katastrophe passiert war. Beinahe wäre ich nach Hause geflogen. Ich hatte schon das Ticket reserviert. Aber jetzt habe ich eine ganz neue Berufung gewonnen für meinen Auftrag hier in Japan. Hier ist mein Platz.“

Sonntag, 10. April
Wir fahren nach Myoshi, wo Familie Fuhrmann arbeitet. In der kleinen Gemeinde halte ich die Predigt. Beim Mittagessen nach dem Gottesdienst gibt es Reisbällchen in Seetangblätter eingerollt und viele andere, exotisch anmutende Leckereien. Japanisch eben!

Anschließend gehen wir alle hinaus in den Park. Es ist ein strahlender Frühlingstag. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel und die Bäume sind über und über mit Blüten bedeckt. Es sind alles Kirschbäume und es sieht aus wie ein Blütenmeer. Alles ist auf den Beinen. Von den Kleinsten bis zu den Alten, die jungen Familien und die älteren Ehepaare. Sie sitzen unter den Bäumen, als wären sie einem Gemälde von Claude Monet entsprungen. Alle wirken irgendwie beschwingt und heiter, wie von einem langen Schlaf erwacht. Es wird gepicknickt und Federball gespielt, fotografiert und erzählt. Die Sikura, die Kirschblüte, ist für Japaner etwas ganz Besonderes. Hier scheinen sie alle Sorgen ihres arbeitsreichen Alltags und die heimlichen Ängste wegen der vielen Erdbeben und Katastrophen zu vergessen.

Am späteren Nachmittag fahren wir zu Familie Berners nach Kaminokoura. Beim Gottesdienst in der noch jungen, kleinen Hausgemeinde sitzt man echt japanisch auf dem Boden. Für Japaner ganz normal, für uns Europäer sehr anstrengend. Aber trotzdem schön.

11. bis 13. April
Bei der Missionarskonferenz im Landesinnern, in den urigen Blockhäusern im Freizeitheim Miyota, ist Zeit zum Entspannen und für viele Gespräche. Hier kommen die Sorgen und Probleme zur Sprache, die jeder mit sich trägt: Konflikte in der Gemeinde, gesundheitliche Probleme, auch unverhohlene Ängste wegen der vielen Erdbeben in der letzten Zeit, Unsicherheit wegen des Reaktorunglücks und der ungewissen Auswirkungen für die Zukunft. Wie gut, über alles reden, miteinander beten und in Bibelarbeiten auf Gottes Wort hören zu können! Ein traditionelles japanisches Bad, genannt Onsen, das direkt aus unterirdischen heißen Quellen vom nahen, aktiven Vulkan Asamayama gespeist wird, bringt willkommene Abwechslung und Entspannung.

Donnerstag, 14. April
Zu viert brechen wir morgens früh von Miyota aus nach Norden auf. Unsere Fahrt geht ins 600 Kilometer entfernte Erdbebengebiet. Nach siebenstündiger Fahrt erreichen wir Sendai, eine Millionenstadt im Zentrum der Region, die vom Tsunami so schwer heimgesucht worden ist. Unterwegs sehen wir die Autobahnschilder „Fukushima“. Aber das liegt von hier noch ca. 80 Kilometer entfernt …

Unser erster Besuch in Sendai gilt dem Base Camp der Hilfsorganisation CRASH. Mitarbeiter erzählen uns von der großen körperlichen und psychischen Belastung durch die täglichen Einsätze im Katastrophengebiet und durch die immer wieder heftigen Nachbeben, teilweise bis zur Stärke von 7,1. Das ist auch für manche Japaner, die viel gewohnt sind, nur schwer zu ertragen. Während unserer 36 Stunden Aufenthalt in der Region gab es übrigens kein Erdbeben. Aber kurz danach wieder …

Der Pastor der Evangelical Free Church in Sendai, Pastor Yoshida, erzählt uns von der schlimmen Zeit direkt nach dem Tsunami, als es tagelang kein Wasser und keinen Strom gab, von dem unermüdlichen Einsatz seiner Gemeindeglieder bei der Versorgung der Menschen im Tsunami-Gebiet, und von den Überlegungen und Plänen für ein Missionszentrum. Abends sind wir bei einer Lagebesprechung im CVJMHaus. Christen verschiedener Kirchen und Gemeinden, aus allen Teilen Japans, treffen sich mit dem Einsatzleiter von „Food for the hungry“ und berichten von ihren Erfahrungen beim Verteilen von Hilfsgütern, beim Reinigen von schlammverschmutzten Häusern und von Begegnungen mit leidenden und trauernden Menschen.

Freitag, 15. April

Wir fahren morgens in einen Küstenort in der Nähe von Sendai, genauer gesagt: zu dem, was davon noch übrig geblieben ist. Die Tsunami hat alles, aber auch alles mitgerissen: Autos, Häuser, teilweise sogar die Fundamente, Bäume, und alles, was sonst zum Leben gehört. Vom Gemeindehaus der „Seaside Chapel“ sind nicht einmal die Fundamente übrig geblieben. Aber Gemeindeglieder haben das Kreuz aus dem Schlamm hervorgezogen und am selben Ort wieder aufgerichtet. Daneben haben sie eine Tafel aufgestellt, auf der sie in japanischen Schriftzeichen die Worte geschrieben haben: „Wir glauben an eine Erweckung für diesen Ort. Wir lieben diesen Ort.“

Auf provisorischen Holzbänken sitzend feiern hier Christen verschiedener Gemeinden miteinander Gottesdienste, beten und ermutigen einander. Als wir dort verweilen, liest Missionar Reinhard Berns die Worte aus Hesekiel 36,36: „Und die Heiden, die um euch her übrig geblieben sind, sollen erfahren, dass ich der Herr bin, der baut, was niedergerissen ist, und pflanzt, was verheert war. Ich, der Herr, sage es und tue es auch.“ Eindrückliche Worte an diesem eindrücklichen Ort. Auch wir beten miteinander und hinterlassen einen schriftlichen Gruß an die Gemeinde.

Wir begegnen Menschen, die ziellos zwischen dem Müll und den übrig gebliebenen Resten umhergehen, nachdenklich, auf dem Boden nach irgendwelchen Erinnerungsstücken suchend. Wir sprechen sie an und erfahren: „Dort war das Haus meiner Eltern. Sie sind beide umgekommen. Nur ein Teil der Einwohner konnte sich retten. Das sind die, die auf das Dach der Schule geflüchtet sind. Denn die Schule ist aus massivem Beton gebaut.“ Eine Uhr, die ich zwischen Schutt und Müll entdecke, ist auf 15:50 Uhr stehen geblieben. Da haben die Wasser sie zum Stehen gebracht. Was hält, wenn die Stürme und Wellen unser Lebenshaus treffen? Diese Frage bewegt uns auch, an diesem Ort der Trauer und zugleich der Hoffnung auf eine neue Zukunft.

Noch viele ähnliche Bilder bekommen wir an diesem Tag zu sehen. In der schwer vom Tsunami getroffenen Hafenstadt Ishinomaki erleben wir am Gemeindehaus, wie dort Hilfsgüter an die Menschen verteilt werden. Der Pastor ist immer noch gezeichnet von dem Schock und dem Stress der vergangenen vier Wochen. Das Gemeindehaus stand unter Wasser, war total verdreckt, wurde aber nicht weggerissen. Er hofft, dass seine Gemeinde eine geistliche Neubelebung erfährt und vielen traumatisierten Menschen zum Segen wird, die jetzt dabei sind, sich neu zu finden und ein neues Fundament für ihr Leben zu bauen. Die Bilder der Verwüstung sind grotesk und manchmal geradezu komisch. Das Ausmaß der Zerstörung ist kaum in Worten zu beschreiben. Doch viele japanische Christen und Christen aus aller Welt sind vor Ort und bereit, sich von Gott gebrauchen zu lassen. Auch wir als Allianz-Mission haben inzwischen ein Missionarsehepaar ins Katastrophengebiet entsandt, um mitzuarbeiten und Möglichkeiten für längerfristige Hilfe zu sondieren. Nachdenklich und mit vielen Eindrücken, die erst noch verarbeitet werden müssen, begeben wir uns am Nachmittag auf den langen Weg zurück nach Nagoya.

Es stimmt: Wir haben Hoffnung für diesen Ort und für die ganze Region. Denn das Evangelium ist Gute Nachricht. Für die Starken genauso, wie für die, die am Ende sind und Hilfe brauchen.


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