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Das AT neu entdecken Hat Matthäus das Alte Testament falsch zitiert?

Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat (Hosea 11,1), der da spricht: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ (Matthäus 2,14-15).

Nicht nur Matthäus, sondern auch Paulus und andere neutestamentliche Autoren zitieren häufi g aus dem Alten Testament. Wer sich die Mühe macht, die Zitate nachzuschlagen und in ihrem Zusammenhang zu lesen, ist allerdings mitunter überrascht: Die alttestamentlichen Stellen sagen gar nicht das aus, was die Apostel meinen! Einige der Abweichungen gehen darauf zurück, dass man zur Zeit der Apostel mit Zitaten freier umgehen konnte als heute. Wir haben dagegen in der Schule gelernt: Was zwischen Anführungszeichen steht, muss mit dem Original wörtlich übereinstimmen. Damals hingegen konnten die Worte durchaus abgewandelt werden, solange der ursprüngliche Sinn erhalten blieb. Auch gab es so etwas wie ein „auslegendes Zitieren“, wobei die Textstelle in einem Schritt zitiert und zugleich erklärt wird. Daneben ist zu berücksichtigen, dass Altes Testament und Neues Testament in unterschiedlichen Sprachen verfasst sind. Auch dies führt zu Veränderungen in der Wortwahl.

Aus dem Kontext gerissen?
Allerdings: Diese Erklärungen tre en bei der Matthäus-Stelle nicht zu. Matthäus hat die zweite Hälfte von Hosea 11,1 formal korrekt zitiert. Aber eben nur die zweite Hälfte. Wer den ganzen Vers liest, dem wird au allen, dass es um das Volk Israel geht, und nicht etwa um einen kommenden Messias. Hat sich Matthäus hier vertan? Einst zog Israel, der „Sohn Gottes“, aus Ägypten herauf, um das verheißene Land einzunehmen. Als Nachkommen Abrahams sollten sie zum Segen für alle Familien der Erde werden (1.Mose 12,3). Als „königliche Priester“ sollten sie zwischen Gott und den übrigen Menschen vermitteln (2.Mose 19,6). Die weitere Geschichte Israels zeigt jedoch, dass das Volk an diesem hohen Anspruch letztlich scheitern musste.

Das Geheimnis Israels
Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes, ist nun gesandt als der „wahre Israelit“. Er ist derjenige, der die Verheißung an Abraham erfüllt; er ist der königliche Mittler zwischen Gott und den Menschen. Zum Zeichen dafür, dass Jesus für Israel steht, erlebt er in seinem Leben Stationen der Geschichte Israels nach: Wie einst Israel, so reist auch er aus Ägypten herauf. Wie einst Israel 40 Jahre in der Wüste versucht wurde, so wird auch er 40 Tage in der Wüste versucht. Auf diesen tieferen Zusammenhang weist Matthäus hin, wenn er Hosea 11,1 zitiert. Und noch mehr: Das Kapitel Hosea 11 handelt davon, wie sehr Gott sein Volk Israel liebt. Obwohl Israel untreu ist, entbrennt Gottes Herz von neuem für sein Volk. Ist nicht gerade in der Menschwerdung Jesu die Barmherzigkeit Gottes erfüllt, von der Hosea redet?

Hosea oder Nostradamus?
Am Ende zeigt sich, dass nicht Matthäus den Text oberfl ächlich gelesen hat, sondern wir. Das Altes Testament ist keine Sammlung von Vorhersagen im Stil etwa eines Nostradamus. Vielmehr geht es darum, dass die verschiedenen alttestamentlichen Linien der Heilsgeschichte auf Jesus hin zulaufen und sich in ihm vereinen. Jesus ist der „wahre Israelit“, er ist auch der „wahre Davidsohn“, das „wahre Opferlamm“, der zweite Mose oder der neue Adam. Dieses dichte Beziehungsgefl echt zwischen dem Alten Testament und seiner Person spricht Jesus an, wenn er sagt, dass er gekommen sei, um das Gesetz und die Propheten zu erfüllen (Matthäus 5,17), und dies ist es wohl auch, was er den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus erklärt (Lukas 24,27.44).

Dr. Julius Steinberg ist Dozent für Altes Testament am Theologischen Seminar Ewersbach.


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