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Bewegte Jahre Die Geschichte der THE

Am 10. April 2012 feierte die Theologische Hochschule Ewersbach (THE) ihr 100-jähriges Bestehen. Wenn ich die 100-jährige Geschichte nur knapp anhand der wichtigsten Ereignisse skizziere , ist mir bewusst, dass die vielen Wegführungen, die durch Gebet und Hören auf Gottes Wort errungen wurden, den roten Faden in der Geschichte unserer Hochschule bilden – sie sind aber nur selten dokumentiert.

Anfang

Der Gründer der Freien evangelischen Gemeinden, Hermann Heinrich Grafe, wusste, was einen guten Prediger ausmacht. Er notierte 1865 in sein Tagebuch: „Der beste Prediger des Evangeliums ist immer der, welcher am reinsten Christum verkündigt durch Wort und Wandel.“ Schon Heinrich Neviandt, dem ersten Prediger einer Freien evangelischen Gemeinde, war bewusst, dass Männer zu solchen Predigern ausgebildet werden müssten. Er verfügte 1901 testamentarisch 35000 Reichsmark für deren Ausbildung. Zunächst aber kamen die Prediger aus der Baseler Predigerschule, der Neukirchener Missionsschule oder von St. Chrischona bei Basel. In der Folgezeit wurde nicht nur von Einzelpersonen wie dem Barmer Fabrikanten Friedrich Wilhelm Barthels oder dem späteren Bundespfl eger Carl Bender eine eigene Ausbildungsstätte gefordert. Auch Gemeinden wie die in Wesel beantragten beim damaligen Bundesausschuss die Gründung einer Predigerschule. Am Ende des 19. Jahrhunderts schien die Schulgründung den Gemeinden jedoch finanziell unmöglich. Zudem sahen gerade die Wuppertaler Gemeinden in einer eigenen Schule einen großen Schritt von der unabhängigen Gemeindebewegung zu einer Kirche. Die Wittener hingegen hielten die solide Ausbildung für das Bestehen des Bundes für unabdingbar. Aus den folgenden Beratungen ging eine „Unterrichtskommission“ hervor, die von 1909 bis 1911 Unterrichtskurse für Prediger (bis zu vier Wochen) anbot. Zur Erweiterung der Ausbildung folgten Verhandlungen über eine gemeinsame Ausbildungsstätte mit dem Missionshaus in Neukirchen. Da sie scheiterten, ließ man den Unterricht in Kursen bei Familie Heyenbruch in Wuppertal-Vohwinkel stattfi nden.

Eröffnung der Predigerschule

Am 10. April 1912 wurde in einem Festgottesdienst unter der Leitung von Otto Schopf die Predigerschule dort erö net und bereits am Nachmittag mit dem Unterricht begonnen. 1912/13 fanden drei Kurse statt. Es gab Schüler (zuerst sechs), die länger blieben, und solche (zuerst 15), die nur für kurze Zeit den Unterricht besuchten. Drei der ersten Schüler waren von der Allianz-China-Mission (Barmen) geschickt worden. Schon 1912 wurde Jakob Millard als erster Seminarlehrer berufen. Bald wurde ein eigenes Schulgebäude in der Baulücke zwischen Gemeinde- und Nachbarhaus gebaut. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges erschütterte die Schule schwer, sodass der Unterricht im Frühjahr 1915 eingestellt und erst im April 1919 wieder aufgenommen wurde. 1922 konnte zum ersten Mal ein Schüler in den Gemeindedienst entlassen werden. Die Geldentwertung 1922/1923 und die französische Ruhrbesetzung behinderten die Ausbildung sehr. Den Unterricht setzte man indes fort, bis man 1929 die neuen Schulräume in der Grabenstraße 11 einweihte.

Zeit des Nationalsozialismus

Der Kirchenkampf der sich bildenden Bekennenden Kirche hatte sein Spiegelbild auch in der Schule und im Bund. Die beiden Lehrer Paul Sprenger und Richard Hoenen, die den „Deutschen Christen“ angehörten, waren von der nationalen Aufbruchsstimmung des Jahres 1933 ergri en. Sie wollten mit dem politischen einen geistlich-theologischen Aufbruch verbinden. Der Brüdertag lehnte diesen Kurs ab, aber das Vertrauen des Bundes in die Schule war erschüttert. Als zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die meisten Schüler zum Militärdienst eingezogen wurden, endete die Geschichte der Predigerschule in Vohwinkel abrupt.

Predigerschule in Ewersbach

Rasch nach Kriegsende plante man die Wiedererö  nung in Vohwinkel, wo jedoch die Schulräume anders genutzt wurden und sich die Lebensmittelversorgung schwierig gestaltete. Inzwischen hatten aber – auf Initiative von Adolf Speck − Otto Jacobi, Paul Koch und Fritz Manderbach zusammen mit der FeG Dietzhölztal- Ewersbach das ehemalige Reichsarbeitsdienstlager auf dem dortigen Kronberg gekauft und dem Bund geschenkt. Nachdem hier zunächst die Altenheimarbeit aufgenommen worden war, begann am 1. Oktober 1946 mit Walter Quiring und Heinrich Wiesemann der Schulbetrieb in einigen der Baracken des Lagers. Mit ihrer tiefen Verwurzelung in der Bibel und ihrer heilsgeschichtlichen Theologie prägten beide die Schüler auf Jahrzehnte.

Predigerseminar

In den 1950er Jahren wurde die Ausbildung auf vier Jahre erweitert und die Organisation durch einen Schulausschuss verbessert. Zudem konnte 1959 ein neues Schulgebäude gebaut werden. 1963 erhielt die „Predigerschule“ den Namen „Predigerseminar“, mit dem auch inhaltliche Veränderungen einhergingen. Um die geistliche Lebensgemeinschaft zu fördern, wurde jedem Jahrgang ein Klassenlehrer zugeteilt. Er ist bei den wöchentlichen Klassengebetsgemeinschaften zugegen, lädt in seine Familie ein und ist Ansprechpartner in den Studien- und Lebensfragen. 1969/70 wurde die Studiendauer auf fünf Jahre verlängert, und neue Gebäude wurden errichtet. 1966 wurde der Konferenz- und Speisesaal zusammen mit dem Altenheimneubau eingeweiht, 1968 schloss das Studentenwohnheim mit 40 Plätzen eine empfi ndliche Baulücke, denn die Seminaristen wohnten noch immer in den Baracken. Dem Aufschwung folgte die Krise. 1970 verblieben nach der Verabschiedung der Absolventen nur noch 13 Seminaristen am Predigerseminar. Nachdem der Versuch, die freikirchlichen Seminare zusammenzulegen, missglückte, war man in Ewersbach dankbar, als das Gebet um zehn Studienanfänger erhört wurde. In den nächsten Jahren blieb die Zahl der Studierenden zwischen 45 und 50 stabil.

Theologisches Seminar Ewersbach


Zu Beginn der 70er Jahre versuchte man, eine gemeinsame Leitung von Altenheim und Seminar zu installieren. Ab 1971 versah Friedhelm Sticht dieses Doppelamt. Im Seminar wurde das Amt des Studienleiters eingerichtet. Das Modell funktionierte nur bis 1976 und Gerhard Hörster wurde zum Rektor allein des Seminars. Dem engen Miteinander von Gemeinden des Bundes und Seminar ist es zu verdanken, dass 1982 der Bau einer Kapelle realisiert werden und damit neuer Raum für das geistliche Leben auf dem Kronberg gescha en werden konnte. Zudem wurde im Untergeschoss die Bibliothek untergebracht. Weil die Predigerausbildung 1976 durch eine neue Ausbildungsordnung immer umfassender wurde, benannte man das Predigerseminar 1983 in „Theologisches Seminar“ um. 1986 wurde ein siebenmonatiges Gemeindepraktikum eingeführt.

Theologische Hochschule Ewersbach

Die jüngste Geschichte der Theologischen Hochschule ist vor allem von der personellen Entwicklung, der Bautätigkeit auf dem Kronberg und der Reform des Studienkonzepts sowie der Ausbildung von Frauen geprägt. Es wäre hier nötig, auch über das Engagement der Rektoren Gerhard Hörster, Wilfrid Haubeck und Michael Schröder sowie der Dozenten und Mitarbeiter zu berichten, die sich in diesen Jahren für die Ausbildung der Studierenden und die Lehrgänge am Kronberg eingesetzt haben − allein, es würde den Umfang dieses Artikels sprengen. Die Baumaßnahmen in dieser Zeit konnten durch die enormen fi nanziellen Gaben der Gemeinden des Bundes verwirklicht werden. Nach der 31-jährigen Nutzung wurde im Jahr 2000 das Studentenwohnheim, heute „Haus Bussemer“, unter der Leitung des Studentenehepaars Dorothea und Detlef Pieper anmoderne Standards angepasst. Den Ausschlag für die Überlegungen, ein neues Seminargebäude zu errichten, gaben die steigenden Studierendenzahlen. In Zukunft war mit erheblichen Raumproblemen zu rechnen. Zudem waren die Kapazitäten der Lehrgänge, die seit 1969/70 am Seminar angeboten wurden, ausgeschöpft. Ein Neubau sollte der Verbesserung der Ausbildung dienen und zugleich dem Bund, seinen Werken und Arbeitszweigen sowie den Gemeinden als Zentrum für Fortbildung von Mitarbeitern zur Verfügung stehen. Nach der Prüfung anderer Standorte stimmten Bundesleitung und Bundesrat dafür, in Ewersbach neu zu bauen. Im August 2006 wurde der Grundstein gelegt und das Kronberg-Forum am 30. September 2007 eingeweiht. Der Bau trägt den Namen des Berges, auf dem die drei Bundeswerke ihre Aufgaben wahrnehmen, ergänzt durch das Wort „Forum“ – eine Stätte der Begegnung, des Austauschs von Gedanken und Ideen, des Lernens und der Gemeinschaft. Die Gemeinden des Bundes und viele Einzelne haben mit ihren Spenden für das Kronberg-Forum und den Umbau des alten Seminargebäudes in ein zweites Studentenwohnheim (heute: „Haus Schopf“) in die Zukunft der Mitarbeiter, der Gemeinden und des Bundes investiert. Von hier gehen Menschen hinaus, um das Evangelium in Deutschland und weltweit zu bezeugen. Zwei Jahre später konnte für den erweiterten Tagungsbetrieb des Seminars ein neuer Speisesaal eingeweiht werden.

Neben den Menschen und Gebäuden, in denen sie arbeiten, sind die Strukturen des Studiums für eine theologische Ausbildungsstätte zentral. 1992 trat eine neue „Ausbildungs- und Prüfungsordnung“ in Kraft, die 2001 erheblich reformiert wurde. Danach wurde das Studium 2003 durch die Europäische Evangelikale Akkreditierungsvereinigung (EEAA) akkreditiert. Den Missionaren half die Anerkennung bei der Beantragung von Visa und Arbeitserlaubnissen; der Abschluss des 5-jährigen Studiums wurde als Äquivalent zum Master of Divinity gerechnet. Im Zuge des Bologna-Prozesses, der die Standardisierung und Vergleichbarkeit von Studiengängen und Abschlüssen in Europa vorantrieb, beschloss die Bundesleitung 2002, für das Seminar die Anerkennung als nichtstaatliche Fachhochschule des Landes Hessen anzustreben. Unter der Federführung von Wilfrid Haubeck wurde der Antrag erstellt. Im September 2011 hat das Land Hessen dem TSE die „Eigenschaft einer staatlich anerkannten Hochschule“ zunächst bis 2016 zuerkannt. Der neue Name „Theologische Hochschule Ewersbach“ folgte Ende 2011. In die jüngste Geschichte des Theologischen Seminars gehört auch die Öffnung des Studiums für Frauen und die Ermöglichung des Dienstes von Pastorinnen. Nach einem langen Prozess beschloss der Bundestag 2010, Gemeinden zu ermöglichen, Frauen als Pastorinnen im Bund zu berufen.

Zum Abschluss

Neben den großen Ereignissen, die sich in der Geschichte der THE zugetragen haben, war es das oft wenig spektakuläre tägliche Leben und Lernen auf dem Kronberg, was das Studium im Kern ausmachte. Die Studienjahre begannen meist mit Einkehrtagen auf dem Forggenhof im Allgäu, die Tage im Semester mit gemeinsamem Lob Gottes und Gebet in den Morgenandachten und Klassengebetsgemeinschaften. Die Tage waren mit Lehren und Lernen gefüllt. Auch nach 100 Jahren Ausbildung gilt noch, was der erste Lehrer der Predigerschule, Jakob Millard, notierte: „Die edelste Freude einer Schule sind solche Schüler, bei denen es sich im Dienste ausweist, daß der Herr sie bestätigt und daß auch die Schule ihnen zu ihrer Ausrüstung hat helfen dürfen.“ Möge es noch lange solche Schüler geben!

Dr. Andreas Heiser ist Dozent für Kirchengeschichte und Griechisch an der Theologischen Hochschule Ewersbach.


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