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Von Jan Peter Graap


Die Kurve genommen Ein Porträt der FeG Hannover

Als mein Sohn Jan-Mattis mit fünf Jahren das Rudern lernte, saß er mit dem Rücken zum Bug, also vorne im Boot und mit dem Blick zum Heck. So konnte er das Boot gut nach vorn bewegen. Darin scheint ein Prinzip zu liegen: Der Blick zurück schließt Perspektiven auf, die eine gute Vorwärtsbewegung ermöglichen.

 Das gilt aus meiner Sicht auch für die Gemeindearbeit: Um in Zukunft einen guten Kurs zu steuern, ist es erforderlich, Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen und Veränderungen bewusst anzusteuern. Oder wie es der Theologe und Philologe Friso Melzer (1907-1988) einmal formulierte: "Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht gehen. Wer den Weg nicht geht, kommt nicht ans Ziel."

1. Der Blick nach hinten

Die Anfänge der Gemeindearbeit in Hannover im Jahre 1957 sind noch mehr als bescheiden. "Missionar Hans Metzger und Prediger Walther Prill haben viel geglaubt, gebetet und gelitten, bis – um im Gleichnis Jesu zu reden – der kleinste Senfkornsame die harte Scholle durchbrach", erinnert sich Oskar Achenbach, der vom damaligen Evangelisationswerk (heute Inland-Mission) als erster Pastor nach Hannover berufen wird. Es dauert drei Jahre, bis die Gemeinde fünf Mitglieder zählt.

Wechselvolle Geschichte

Oskar Achenbach, der damals – noch ohne Auto, Telefon und Internet – treu seinen Dienst in Hannover, Hildesheim und Uetze versieht, erlebt über einen langen Zeitraum Frucht. 1975 zählt die FeG Hannover zu den 15 wachsenden Gemeinden in unserem Bund. Laut Statistik verzeichnet sie im Jahr 1990 insgesamt 157 Mitglieder, in Wunstorf gibt es kurzfristig eine Zweigarbeit. Doch ab diesem Zeitpunkt setzt über fast zwanzig Jahre lang eine wechselvolle Geschichte ein, verbunden mit manchen Krisen und einem stetigen Abschwung. Mein Dienstbeginn vor drei Jahren fällt in die tragische Zeit des Todes meines Vorgängers hinein. Zu diesem Zeitpunkt gehören 112 Mitglieder der Gemeinde an, der Gottesdienstbesuch im alten Gemeindehaus in der Königsworther Straße liegt bei rund 100 Personen.

Standortbestimmung

Anhand des "Lebenszyklus der Gemeinde" (Geburt, Wachstum, Reife, Stagnation, Abnahme, Tod) analysieren wir an einem Abend mit den verantwortlichen Mitarbeitern den inneren Standort der Gemeinde. Von den 16 Leuten setzen 15 dabei auf einer Tafel ihr Kreuz in der Kurve zwischen Stagnation und Abnahme. Das ist ernüchternd. Doch gleichermaßen macht sich auch eine positive Stimmung bemerkbar: Es herrscht eine hohe Veränderungsbereitschaft, die aktuellen Stärken der Gemeinde werden intensiv beschrieben, auch die aktuellen Herausforderungen.

Bereits vor meiner Berufung hat die Gemeinde in einem längeren Prozess ein Bauprojekt verabschiedet und damit einen Paradigmenwechsel von der Stadtgemeinde hin zu einer Stadtteilgemeinde eingeleitet.

2. Der Blick nach vorn

Auf unserer ersten Klausur im Herbst 2009 klären wir als Älteste unser Selbstverständnis. Besonders Einmütigkeit, das partnerschaftliche Leiten und auch die offene Aussprache erscheint uns wichtig. Dabei schauen wir uns unsere unterschiedlichen Typen und Temperamente näher an und stellen uns die Frage, wie wir miteinander kommunizieren wollen. Die Gemeinde indes zieht vorübergehend in das Grundschulgebäude der Freien Evangelischen Schule (FESH). Es gelingt, das alte Gemeindehaus in der Stadtmitte zu verkaufen.

Eine Phase im Umbruch

Auf einer weiteren Klausurtagung realisieren wir als Leitung schon bald, dass die Gemeinde nach einer langen Durststrecke nun einen deutlichen Sprung aus der Stagnation und des Rückganges vollzogen hat. Dies spiegelt sich in einem besseren Gottesdienstbesuch und in einer herzlichen Atmosphäre wider. Die Leute bleiben länger nach dem Gottesdienst beim Kaffee zusammen. Ein erster großer Mitgliederschub stellt sich ein. In Mitarbeiter- und Gebetskreisen betone ich häufig, dass wir Jesus dankbar sein dürfen für den Umbruch und dass es sich dabei um ein zartes (geistliches) Pflänzchen handelt. Eine langjährige Mitarbeiterin erwidert: "Das ist kein Pflänzchen mehr, sondern schon ein schöner Stängel geworden."

Gemeinde im Aufbruch

Freude bricht aus, als der Baubagger kommt. Der Grundriss des Gemeindehauses wird deutlich und auch der "innere Gemeindebau" schreitet voran: Ausgehend von unserer Zukunftsklausur entwickeln wir als Ältestenkreis in fast anderthalb Jahren ein Zielpapier. Dabei geht’s um die Frage, wie das Bild unserer Gemeindearbeit im Jahr 2021 aussehen könnte und welche Zwischenschritte wir bereit sind zu gehen. An der Umsetzung eines Zieles sind wir gerade dran: Damit die stetig wachsende Gemeinde ihre Aufträge erfüllen kann, benötigt sie nun entsprechend "größere Kleider", also eine neue Struktur. Ein Meilenstein für die Entwicklung der Gemeinde ist natürlich unser Einweihungswochenende im April 2011, bei dem wir "aus allen Nähten platzen". Mittlerweile zählen rund 140 Mitglieder zur Gemeinde, rund 160 Personen besuchen die Gottesdienste. Außerdem hat die Gemeinde einen großen Freundeskreis.

Jeden Sonntag begrüßen wir "neue Gesichter", einige davon auch aus dem Stadtteil. Eine Rollstuhlfahrerin aus der Nachbarschaft ist die treueste Besucherin unseres Bibel-Treffs. Sie sagt: "Wenn Ihr mir schon so eine Gemeinde vor die Nase setzt, dann bin ich natürlich dabei!" Ein anderes Beispiel ist ein Diplomingenieur. Über das Internet informiert er sich über unsere Gemeinde, wird freundlich an der Tür begrüßt, erhält am Willkommenstisch weitere Informationen, besucht regelmäßig den Gebetskreis. Das Gemeinschaftsgefühl und die Wortverkündigung sprechen ihnan. In seelsorgerlicher Atmosphäre klärt er sein Leben mit Gott, besucht unseren Schnupperkurs Gemeinde und wird ein neues Mitglied unserer Gemeinde. Drei Wochen danach lässt er sich taufen und bringt sich diakonisch ein.

Wir sind so dankbar, dass Jesus uns als Gemeinde geschenkt hat, "die Kurve zu nehmen". Inneres und äußeres Wachstum kommt von ihm allein - unsere Aufgabe besteht darin, es nicht zu bremsen. Wachstumsfelder gibt’s in der zukünftigen Entwicklung genug.

Jan Peter Graap ist Pastor der FeG Hannover.


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