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Von Willy Weber


Eine kleine Geschichte der Seelsorge in unserer Bundesgeschichte

1. Zur Vorgeschichte der Seelsorge

  Das Wort „Seelsorge“ sucht man vergeblich in einer biblischen Konkordanz. Es ist kein biblischer Begriff. In Matthäus 6,25 scheint Jesus geradezu vor Seelsorge zu warnen: „Sorgt nicht um eure ‚Seele‘ …,“ das sei heidnisch. Luther übersetzt „Seele“ mit „Leben“, weil die Mahnung Jesu wesentlich die Leibsorge betrifft, Essen, Trinken und Kleidung. Die sei letztlich Gottes Sorge, weshalb der Mensch sich auf ihn ausrichten solle.

 In der Tat stammt das Wort „Seelsorge“ aus heidnischem Umfeld. Der griechische Philosoph Sokrates (470 – 399 v.Chr.) ruft seine Zeitgenossen auf, „für ihre eigene Seele zu sorgen“. Plato (427 – 347 v.Chr.) nennt Sokrates einen „Fachmann für Seelsorge“ und möchte seinerseits Seelsorge zur Bürgerpflicht machen. Dieses altgriechische Seelsorgeverständnis hat allerdings einen leibfeindlichen Zug und zielt auf die Unsterblichkeit der Seele.

 Das Alte Testament sieht den Menschen ganzheitlich, mit Leib und Seele. Die Seele wird als Ausdruck des Atems Gottes verstanden, der im Menschen „atmet“ und sich in Klage und Lob ausdrückt – bis er wieder an Gott zurückgegeben wird. Gott selber ist der Seelsorger und gute Hirte seiner Menschen. Er beauftragt vor allem die Propheten mit der Seelsorge.

 Im Neuen Testament lernen wir Jesus als himmlischen Seelsorger kennen, der sich des ganzen Menschen annimmt. Er ruft zur Umkehr, vergibt Schuld, heilt Kranke, hilft in Not und weckt Tote auf. Er sendet seinen Heiligen Geist, den „Beistand“ Gottes und damit zugleich den immer gegenwärtigen „Seelsorger“. Auch wenn der Begriff Seelsorge nicht vorkommt, ist das Neue Testament voller Seelsorge. Wobei schon die Urgemeinde erkennt, dass Seelsorge auch die Leibsorge einschließen muss (Apg 6,1-7). Die Paulusbriefe sind erste Beispiele evangelischer Briefseelsorge.

 Der ursprünglich heidnische Begriff „Seelsorge“ wird von der alten Kirche gewandelt und neu aufgenommen. Seelsorge wird vorrangig zum Instrument der Kirchenzucht und der Beichtpraxis. Luther wehrt sich gegen diese Verengung und redet vom „Trostamt“ und vom Weg „zu einem fröhlichen Herzen und guten Gewissen vor Gott.“ Jeder Christ darf Seelsorge üben und Beichte hören.

 Philipp Jakob Spener (1635 – 1705), Vater des Pietismus, verstand den Seelsorger als Seelenführer, der den Gläubigen helfen soll, in Kleingruppen oder Einzelgesprächen den Glauben zu vertiefen, Jesus ähnlicher zu werden und dadurch die Ebenbildlichkeit Gottes zu gewinnen. Unsere Gemeinden stehen in dieser Tradition.

 Zugleich bewirkte die Aufklärung des 18. Jahrhunderts insofern eine Krise auch der Seelsorge, dass der Mensch, aufgeklärt und mündig, weder Gott noch Seelsorge zu brauchen schien. Der dennoch entstehende Hohlraum wurde zunehmend von der Humanwissenschaft, von Psychologie und Psychotherapie, besetzt.

2. Zur Geschichte der Seelsorge in unserer Tradition

 Ich kenne den Begriff „Seelsorge“ nicht aus meiner Kinder- und Jugendzeit. Natürlich wurde Seelsorge geübt, auch in der kleinen Stubenversammlung, in der meine Frau und ich aufgewachsen und zum Glauben gekommen sind. Es wurde für die Kranken gebetet, die Trauernden wurden besucht, man half sich und ermutige einander im Glauben. Konkret wurde Seelsorge da, wo Gemeindemitglieder in Sünde gefallen waren.

 Solche schwierigen Gespräche wurden wohl häufig meinem Vater aufgetragen. Von ihm habe ich eine wichtige Grundeinstellung für das Gespräch mit Schuldiggewordenen gewonnen: „Man muss sich mit dem Schuldigen auf die gleiche Sünderbank setzen.“ Seelsorge geschah, ohne sie als solche zu thematisieren.

 Viele Gemeinden hatten keinen angestellten „Prediger“ und die „reisenden Brüder“, die gelegentlichen Gastprediger, hatten in der Regel ohnehin kaum Einblick in das Leben der Gemeindemitglieder. Als Kinder haben wir einige von ihnen gefürchtet, wenn sie zu uns ins Haus kamen. Sie hielten unsere Hand, schauten uns in die Augen und fragten: „Hast du dem Herrn Jesus schon dein Herz geschenkt?“

 Seelsorge blieb durchweg auf geistliche Fragen ausgerichtet. Das Leben war im Übrigen noch nicht so verwirrend vielfältig und die Situationen nicht so kompliziert, wie heute – und qualifizierte Seelsorge weniger nötig und gefragt. Bei manchen zeigte sich dennoch ein Charisma zur Seelsorge, das dankbar angenommen wurde.

 Einige beschäftigten sich auch mit psychologischen Fragen und bestätigen, was der schweizerische Theologe Eduard Thurneysen (1888 – 1974) beobachtet hat: dass ein guter Seelsorger immer auch ein guter Psychologe sei. Immerhin: In den sechziger Jahren gab es an der damaligen „Predigerschule“ in Ewersbach schon das Fach Psychologie.

 Generell aber bestanden beiderseits Vorbehalte: Die Seelsorge misstraute der weltlichen Psychologie, die Psychologie einer menschenfernen Seelsorge. Besonders Evangelikale verdächtigten die Psychologie, glaubensfeindlich und gottlos zu hantieren. Seelsorge solle sich auf den An- und Zuspruch des Wortes Gottes und aufs Gebet konzentrieren.

 Seelsorge, die sich auf Psychologie einlasse, begehe Verrat am Eigentlichen, fl üchte aus eigenem Unglauben und verspiele das Heil Gottes. Der Mensch werde zum Mittelpunkt und Gott zur Randfi gur. Diese Diskussion ist immer wieder einmal nötig und mahnt zu klaren Positionen und zur Verständigung.

3. Die Öffnung der Seelsorge für die Erkenntnisse aus der Humanwissenschaft

 Dieser Auseinandersetzung konnte sich die Theologie auf Dauer nicht versagen. Sie wurde auch von der Basis bedrängt, die ihr vermittelte, dass ein Bibelwort und ein Gebet, so wesentlich beides sei, alleine nicht immer helfe, die Konfl ikte und Krisen eines heutigen Alltags anzugehen. Der Mensch brauche nicht nur das Heil, sondern auch Heilung der Beziehungen und der verwundeten Seele.

 Auf diesem Lernweg hat die Theologie, wie mir scheint, ein altes Schlüsselwort neu entdeckt: „Plünderung Ägyptens“. Es stammt von dem großen Kirchenvater Augustinus (354 – 430) und beschreibt einen Vorgang beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Damals haben Israeliten von Ägyptern Geschenke, Schmuckstücke gefordert, sozusagen als kleine Bezahlung für ihre Sklavenarbeit. Wertgegenstände waren aber häufig Kultgegenstände, Amulette und Götzenbilder.

 Als Mose später in der Wüste die heiligen Geräte für die Stiftshütte herstellte, forderte er das Volk auf, ihm mitgenommenes Gold und andere Kostbarkeiten auszuhändigen. Die Edelmetalle wurden eingeschmolzen und in neue Formen gegossen, die Gott geweiht wurden. Die Herkunft des Materials war zwar heidnisch, das Endprodukt aber heiliges Gerät für den Gottesdienst. Das nennt Augustinus „Plünderung Ägyptens“, Heidnisches wird neu gestaltet und in Dienst genommen.

 Wenn die Seelsorge Erkenntnisse der Humanwissenschaft nutzt, in Dienst stellt, mag man auch an „Plünderung“ denken. Zugleich muss man auch sehen, dass die Humanwissenschaften Erkenntnisse gewinnen, die der Schöpfer sie finden lässt. Die Theologie muss nicht alles eins zu eins übernehmen. Sie wird das Menschenbild und die Glaubensverträglichkeit prüfen und alles, was der Seelsorge dient, übernehmen, um den Menschen kompetenter helfen zu können. So kann eine wohlwollend-kritische Kooperation zwischen Psychologie und Seelsorge entstehen. Diese Entwicklung hat auch unsere Gemeinden erreicht.

 1972 wurde die „Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie (DGfP) gegründet, die wiederum die „Klinische Seelsorge“ (KSA) anbot. Friedhelm Sticht war damals Dozent und Rektor des Theologischen Seminars in Ewersbach. In seinem Bemühen um eine zeitgerechte Seelsorgeausbildung bekam er Kontakt mit der DGfP und begann die Ausbildung zum Supervisor und Ausbilder für die KSA. Inzwischen sprossen unterschiedliche Institute aus dem evangelikalen Boden, die unterschiedliche Ausbildungsgänge anboten. Es entstand eine Art Markt für therapeutische Seelsorgekonzepte. Pastoren und Gemeindeglieder begannen mit Ausbildungen. 

 Friedhelm Sticht empfand die Notwendigkeit, die unterschiedlichen Personen und Konzepte innerhalb unserer Gemeinden zu bündeln und zu verbinden. Er lud für August 1988 zu einem ersten Treffen nach Bad-Endbach-Wommelshausen ein. Besonderer Gast war Professor Michael Dieterich, der das Institut „Biblisch-therapeutische Seelsorge“ BTS gegründet hatte. Es sollte eine Plattform gesucht werden für eine kreative Zusammenarbeit im Bund und eventuell darüber hinaus.

 Es kam zur Gründung der „Arbeitsgemeinschaft therapeutische Seelsorge“ (AGtS) mit vielen Mitgliedern. Die Bundesleitung berief den Arbeitskreis „Therapeutische Seelsorge“, der als „Arbeitskreis Seelsorge“ immer noch die seelsorgerlichen Aktivitäten in unserem Bund leitet und begleitet. Es entstanden vorübergehend Seelsorgezentren. Geblieben und im offenen Angebot sind schließlich einige Konzepte, die anschließend selber zu Wort kommen.

 Ich bin dankbar für diese kleine Geschichte der Seelsorge in unserem Bund, für die Verpflichtung dem Wort Gottes gegenüber und für die Offenheit, scheinbar „Weltliches“ in den geistlichen Dienst Gottes an den Menschen zu stellen. 

Pastor Willy Weber war Dozent für Seelsorge und Ethik am THE und ist Supervisor KSA (DGfP).


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