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Von Thomas Schech


Der Blick zurück Wertvolle Prozesse in der FeG Wetzlar

Erste Schritte beim Gemeinde-Entdecken

Wenn ich das Wort „entdecken“ höre, dann melden sich in mir viele positive Bilder. Ich denke z.B. an den letzten Sommerurlaub. Mit meiner Familie habe ich nicht nur die Sonne genossen, sondern auch Städte in einem für uns fremden Land entdeckt und, noch besser, hohe Felsen, von denen man ins Meer springen kann. Ein Riesenspaß war das. Und mit etwas weniger Gleichgesinnten um mich herum, also Touristen, die wir ja alle in diesen Momenten nicht sein wollen, hätte ich mich fast gefühlt wie einer der großen Entdecker in früheren Jahrhunderten.

 Von abenteuerlustigen Frauen und Männern war ich schon als Kind beeindruckt. Irgendwie passt dieses Bild zum Thema. Denn es gibt kein Entdecken ohne das Risiko des Aufbruchs und ohne das Risiko, am Ende vielleicht nicht das zu finden, was man erwartet. Aber ich soll hier ja nicht philosophieren, sondern will über unsere Erfahrungen in der FeG Wetzlar mit dem Thema Entdecken berichten.

 Der Startschuss fiel vor ca. einem Jahr auf dem Klausurwochenende unserer Gemeindeleitung. Einmal im Jahr ziehen wir uns zurück, beten zusammen und sprechen über Perspektiven für die nächste Wegstrecke unserer Gemeinde. Viele Gemeindeleitungen tun das, wir auch. Das ist wertvoll und notwendig. Ein Gedanke, den wir im Januar 2012 aus unserer Klausur mit nach Hause nahmen, war: In einem Jahr wissen wir, was uns als FeG Wetzlar ausmacht (die Frage nach unserer Identität) und was wir wollen (die Frage nach unserem Auftrag).

 Genau genommen begann der Prozess des „Entdeckens“ aber noch früher. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich als Pastor einen ersten Impuls dazu in die Gemeindeleitung eingebracht. Aber Gott hat mich mit einer weisen Gemeindeleitung beschenkt. So kam es, dass wir die Idee, einen Zukunftsprozess anzustoßen (also eine Art Gemeinde3-Prozess), zwar gut und notwendig fanden, aber den Zeitpunkt für nicht optimal hielten.

 Angesichts des hohen Veränderungstempos, das wir als Gemeinde in dieser Phase erlebten, waren die meisten der Meinung, dass der richtige Zeitpunkt für einen Zukunftsprozess, an dem möglichst viele aus der Gemeinde sich beteiligen können, noch nicht gekommen war. Meine erste Erkenntnis lautet deshalb: Mindestens so wichtig wie der Zukunftsprozess selbst, ist der richtige Zeitpunkt, einen solchen Prozess zu starten. Aber nach der Klausur Anfang 2012 waren alle bereit.

 Die erste Phase war der Frage gewidmet: Was macht uns als Gemeinde aus? Wo liegen unsere Stärken? Was ist das Alleinstellungsmerkmal unserer Gemeinde? Schon während der Klausur fingen wir an, darüber zu sprechen. Die Ergebnisse hielten wir in einer überdimensionalen „Mind-Map“ fest. In einem zweiten Schritt erklärten wir der Gemeinde an einem unserer monatlichen Gemeindeabende, was wir in diesem Jahr vorhaben und arbeiteten mit allen Anwesenden an den oben beschriebenen Fragen. Wir wollten in dieser Phase auf unsere Gemeindeleute hören, deshalb hielten wir unsere eigenen Erkenntnisse vorerst zurück.

 Für die monatlich stattfindenden Gemeindeabende fallen in der jeweiligen Woche alle Kleingruppen aus. Gemeindemitglieder und alle, die sich mit unserer Gemeinde verbunden fühlen, sind willkommen. Ein solcher regelmäßiger Termin bietet viel Freiraum, mit der Gemeinde Themen oder Fragestellungen ohne Ergebnisdruck zu bearbeiten. Dem Gemeindeabend folgten weitere Gespräche auf unterschiedlichen Leitungsebenen unserer Gemeinde.

 Den nächsten Schritt gingen wir auf unserer Gemeindemitgliederversammlung im Frühjahr 2012. Wir hatten die Idee, das typische Prozedere zu durchbrechen. Wir bereiteten für das Tre en eine Reihe von Themenstationen vor, an denen in kleinen Gruppen miteinander inhaltlich gearbeitet werden konnte. Die Gesprächsanregungen und Fragestellungen waren so gestaltet, dass das gemeinsame „Arbeiten“ Spaß macht. Außerdem änderten wir die übliche Sitzordnung. So kam es, dass wir eine bunte und sehr kommunikative Gemeindeversammlung erlebten. Aus unterschiedlichen Perspektiven näherten wir uns den bereits beschriebenen Fragen: Was macht uns aus? Was ist das Einzigartige unsrer Gemeinde?

 Diejenigen, die sich schon früher mit dem Themenkomplex beschäftigt hatten, forderten wir heraus, einen Schritt weiterzugehen. Anderen boten wir die Möglichkeit, sich zum ersten Mal dem Thema zu nähern. Es gab auch eine Station über die Geschichte unserer Gemeinde. Unsere Gemeinde wird in diesem Jahr zwar erst 25 Jahre alt, aber es stellte sich heraus, dass viele die Geschichte unsrer Gemeinde gar nicht oder nur in Bruchstücken kannten.

 Außerdem wollten wir wissen: Welche Stärken liegen in der Geschichte unserer Gemeinde, die wir heute immer noch sehen? Gibt es eine Art „DNA“ unserer Gemeinde, der FeG Wetzlar, die sich bis heute durchzieht? Ehrlich gesagt, war die Sache mit der Geschichte am Anfang eher aus der Not geboren. Wir suchten nach Fragestellungen, mit denen wir so viele Leute sinnvoll und zeitgleich beschäftigen konnten und hatten dabei den Anspruch, dass nicht alle das Gleiche tun sollten.

 Im Nachhinein kam es an der „Geschichtsstation“ zu vielen Gesprächen und Begegnungen. Da geriet viel in Bewegung. Gerade dieser Abend hat mir die Augen geö net, wie kraftvoll es sein kann, wenn wir auf unsere Geschichte schauen und gemeinsam entdecken, was Gott bereits durch Menschen vor uns bewirkt hat. Schließlich gab es noch eine weitere Station, die wir bewusst o en gehalten haben. Hier konnten Leute Fragen loswerden, Ho nungen oder auch Ängste zum Ausdruck bringen. So erlebten wir miteinander eine Gemeindeversammlung, die nicht in das übliche Schema passte. Wir hatten miteinander entdeckt, miteinander gesprochen, miteinander erste Ergebnisse erzielt.

 Meine zweite Erkenntnis lautet deshalb: Die Erfahrung etwas gemeinsam zu entdecken und zu erarbeiten, ist mindestens genauso wichtig wie das Ergebnis selbst. Nach diesem Abend waren wir in der Gemeindeleitung wieder am Zug. Wie und auf welche Weise können wir das Erarbeitete zusammenfassen? Recht schnell ergab sich ein Bild mit fünf unterschiedlichen Stärken, die unsere Gemeinde aktuell ausmachen. Musik z.B. war eine davon. Dann gibt es in unserer Gemeinde sehr viele Kinder, Teenager und Jugendliche. Die Atmosphäre war ein dritter Punkt. Schließlich haben wir das bis dahin Erarbeitete in einer Geschichte zusammengefasst und aufgeschrieben. Unser Ergebnis waren also nicht fünf Punkte, sondern eine Geschichte. Eine Geschichte, die unsere Gemeinde mit dem, wo sie herkommt, und dem, wo sie heute steht, vor Augen malt.

 Am Ende dieses Prozessabschnittes hatte jedes Mitglied unserer Gemeinde die Geschichte ausgedruckt im Postfach liegen und konnte sie mit nach Hause nehmen. Zusätzlich haben wir sie in unserem Gemeindebrief abgedruckt. Damit war der erste Teil unserer gemeinsamen Reise beendet, und wir haben erst einmal eine Pause eingelegt.

 Im September 2012 begann unsere zweite Phase, die immer noch anhält. Nach dem Entdecken fragten wir uns: Was liegt vor uns? Der Startschuss dazu fiel auf einer Gemeindefreizeit. Wir hatten seit vielen Jahren keine Gemeindefreizeit mehr erlebt. Die Erfahrung dieses Wochenendes mit rund 200 Erwachsenen, Teenagern und Kindern gehört deshalb mit zu den Höhepunkten im letzten Jahr. Mit einem kleinen Film über die Gründung und Geschichte unserer Gemeinde knüpften wir an den bisherigen Prozess an. Das war keine Riesensache. Mit meinem iPhone als Kamera in der Hand befragte ich einige Gründungsmitglieder nach den Erfahrungen der ersten Jahre und schnitt die Szenen zu einem Film zusammen.

 Entstanden ist ein bewegendes Zeugnis über das, was Gott getan hat. Was passiert, ist Folgendes: Wir hören, wie Menschen erzählen, was sie in die Waagschale geworfen haben. Gleichzeitig sehen wir, was daraus geworden ist. Und so werden wir selbst herausgefordert, nicht klein zu denken und dabei unseren eigenen Beitrag einzubringen. Der Platz reicht hier nicht aus, um den weiteren Verlauf zu beschreiben. Der Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen. Wir sind auf dem Weg und wir sind dabei, einen Doppelpunkt zu setzen. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht uns nicht um ein Gemeindeprofil im Hochglanzformat oder irgendeine Methode. Sondern darum, in einem gemeinsamen, geistlichen Prozess, das zu suchen und zu beschreiben, was Gott uns gegeben hat und vor die Füße legt.

 Meine letzte Erkenntnis: Ein Geheimnis solcher Prozesse steckt auch in der Spannung unterschiedlicher Pole. Diese gilt es auszuhalten und eine Gemeinde darin zu führen. Es ist immer beides: Beteiligung und Leitung, Chaos und Struktur, Gelassenheit und Arbeit, Transparenz und Vertrauen. Und noch eine letzte Anmerkung: Wir sind aktuell 230 Mitglieder und der Freundeskreis ist nicht klein. Natürlich bekommen nicht alle den Prozess auf den unterschiedlichen Ebenen Schritt für Schritt so mit, wie ich ihn hier angedeutet habe. Aber jeder hat die Möglichkeit dazu. Die Mehrheit erlebt das, was wir erarbeiten, immer nur punktuell. Das ist auch nicht schlimm. Die Gründe dafür liegen selten in mangelndem Interesse. Auf der anderen Seite entbindet das die Gemeindeleitung und mich als Pastor nicht von der Verantwortung, transparent und nachvollziehbar auf unterschiedlichen Ebenen zu kommunizieren und immer wieder aufzuzeigen, an welcher Stelle wir gerade unterwegs sind.

Thomas Schech ist Pastor der FeG Wetzlar.


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