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Verstehen die Juden die Bibel besser?

Was sagen eigentlich die jüdischen Bibelausleger zu dieser Stelle? Die haben ja nochmal einen ganz anderen Hintergrund, um die biblischen Aussagen zu verstehen … Solche Aussagen begegnen mir immer wieder einmal, wenn ich in Gemeinden unterwegs bin.

Manchmal steht dahinter schlicht und einfach Neugier, öfter aber auch eine Hochschätzung bestimmter jüdischer Ausleger. Zugleich schwingt die Kritik daran mit, dass sich die klassische evangelische Theologie anscheinend so wenig um ihr jüdisches Erbe bemüht.

Kein "geheimer Schlüssel"

Was die Wissenschaft vom Alten Testament bzw. der hebräischen/jüdischen Bibel betri‡fft, so kann gesagt werden, dass durchaus ein Austausch zwischen christlichem und jüdischem Denken stattfindet. Beispielsweise stehen in wissenschaftlichen Zeitschriften Beiträge von christlichen und jüdischen Autoren Seite an Seite. Und in einer aktuellen christlichen Kommentarreihe zum Alten Testament (Herders Theologischer Kommentar) sind mehrere Bände von jüdischen Auslegern verantwortet.

Dies ist nicht zuletzt einigen engagierten Theologen beider Seiten geschuldet, die sich aktiv im Sinne des jüdischchristlichen Dialogs einsetzen. Betrachtet man das große Ganze, so sieht man, dass im Judentum eine ähnliche Vielfalt von theologischen Positionen und Richtungen herrscht wie im christlichen Bereich. Im Mittelalter beschäftigten sich christliche Theologen viel mit der symbolischen Bedeutung von Texten. Dasselbe gilt für die jüdischen Ausleger dieser Epoche. Mit der Neuzeit kamen kritische Haltungen zur Glaubwürdigkeit der Bibel auf. Wiederum betraf dies sowohl den jüdischen als auch den christlichen Bereich. Und die literaturwissenschaftlichen Ansätze, die die Kunstfertigkeit und die innere Einheit der biblischen Bücher neu entdecken, haben ebenfalls ihre Vertreter auf jüdischer wie auf christlicher Seite.

Die eine jüdische Auslegung gibt es also nicht, genauso wenig wie einen „geheimen Schlüssel“, mit dem Juden die Bedeutung biblischer Texte generell besser aufschließen könnten als Christen.

Von jüdischer Auslegung profitieren

Dennoch kann jüdische Auslegung der christlichen Gemeinde heute helfen, und zwar in mehrfacher Hinsicht:

1. Christen heute tendieren dazu, das Wissen um die Kulturen der biblischen Zeit zu vernachlässigen. Die Bibel wird sehr unmittelbar, aber auch oberfl ächlich angewendet. Jüdische Ausleger machen die kulturelle Fremdheit der Texte bewusst und erö‡ffnen damit Wege zu einem tieferen Verständnis. Dazu sind sie nicht deshalb in der Lage, weil sie in Israel leben oder weil sie Hebräisch sprechen, sondern weil sie es zu ihrem Anliegen machen.

2. In der christlichen Bibelwissenschaft sind heute bestimmte Modelle vorherrschend, die erklären, wie biblische Bücher Schritt für Schritt zu ihrer jetzigen Form und Größe angewachsen sein sollen. Jüdische Ausleger denken an solchen Stellen oft ganz anders und bringen erfrischende neue Perspektiven ein.

3. Jüdische Ausleger geben der hebräischen Bibel Wertschätzung und Aufmerksamkeit. So wirken sie der Vernachlässigung des Alten Testaments in manchen christlichen Kreisen entgegen. Insbesondere zeigen jüdischmessianische Ausleger auf, wie sehr das Neue Testament auf dem Alten beruht und wie die verschiedenen Linien der Verheißung im Alten Testament auf Jesus Christus hin zulaufen.

Dr. Julius Steinberg ist Professor für Altes Testament an der Theologischen Hochschule Ewersbach.

 


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